Wenn ich groß bin möchtee ich Polizistin werden und dann enderen
kindern helfen.''
Pia starrt ungllubig auf lhr eigenes Foto. Als sei es das Bild einer Frem den. Vor drel Jahren entstand das in missio aktuell veröffentlichte PortrAt. ,,Das Mädchen da... das soll ich gewesen sein?" wundert sich die heute 15-Jährige und halt die Zeitschrift Deutschland in der Hand. Die Gesichtszüge, pechschwarzen Haare, die braune Haut und die Augen? Das sind nicht mehr dieselben Augen. eine unendliche Leere blickten sle damals. Die linke Hand verdeckte einen Teil lhres Gesichts. Dahinter versteckte sie tausende Tränen und quälende Schreie. ,,Sah ich damals wirklich, so todtraurig aus?" flüstert sie zu sich selbst.
,,Piaaa! Piaaa! rufen plötzlich mehrere Mädchenstimmen. ,,Es ist gleich 18 Uhr." Pia schreckt aus lhren Erinnerungen hoch. ,,Ja, bin gleich da." Hier im Kinderschutzzentrum PREDA, einige Autostunden nördlich der philippinischen Hauptstadt Manila gelegen, fand sie vor dreieinhalb Jahren bei Pater Shay Cullen Schutz und ein neues Zuhause.
Jeden Tag nach den Hausaufgaben und vor dem Abendessen steht Tanzen auf dem Programm. Vierzig Mädchen haben sich heute im Halbkreis aufgereiht. Sie bewegen sich zur Musik des Ententanzes. Pia schlurft in Badeschlappen zu lhren Freundinnen Marlyn und May in der Ecke. Zu diesem , Kinderkram " haben die Älteren keine Lust. Lhr Auftdtt- kommt erst später.
Als die Musik verklingt, wird Pia lebendig: ,,0.K. Girls, jetzt sind, wir dran!" Sie nimmt eine Cassette, steckt sie in die Stereoanlage und dreht die LautstArke hoch. Die Backstreetboys singen lhren neusten Hit. Pia und sechs Mädchen stürmen aufs Parkett. Staunend stehen die Ententanzkinder an den Seiten. So etwas gibt es sonst bur in Videoclips. Die Choreografie Streetdance hat Pia selbst entworfen. Alle hören auf lhr Kommando. ,Schritt rechts! Nach links! Achtung Drehung! Nach vorne! Und zurück!" Pias Bewegungen verschmelzen mit lhr Herz schlagt im Takt. Die Augen strahlen.
Vor wenigen Jahren hätte niemand geglaubt, dass Pia jemals wieder lachen würde . Keiner interessierte sich für das kleineMädchen aus dem Slum der Millionenstadt Manila. Weder lhre Mutter noch lhr Vater. Auch nicht die Großmutter, die sie notgedrungen aufnahm. ,, Ich wuchs mit meiner Oma in einem Haus ohne Liebe auf. Ich

erinnere mich nur an Schreie und Schläge", klagt Pia. Niemand wollte sie. Einzig die Sextouristen fanden Gefallen an der Kleinen.
,,Pater Shay hat mich damals rausgeholt", sagt Pia. Sie nennt den Priester ,,meinen Beschützer". Als Leiter des kinderschutzzentrums PREDA hat der 56-Jährige für traumatisierte Mädchen ein spezielles Rehabilitationsprogramm entwickelt. ,,Für mich war die Theraie sehr hilfreich, weil ich dabei weinen und schreien konnte, sociel ich wollte", blickt Pia zurück. ,,Es war die beste Art, mich vom schmerz zu befreien."
Rund drei Jahre lang nahm sie regelmäßig an den Sitzungen teil. Hier hat sie geweint geschrien, sich auf den Boden geworfen mit den Fäusten und Füßgen getrommelt. Drei jHR, das waren tausend Tage und tausend Nächte voller. Tränen Bei Pater Shay Cullen konnte Pia sich lhr Qualen von der Seele reden, sich von Schuldgefühlen befreien und Hoffnung schöpfen. Jeden Sonntag ging sie zur Messe und betete das Vater Unser. ,,Erlöse mich von dem Bösen", flehte, Pia.
lhre Gebete wurden erhört, doch di Erlösung fiel nicht vom Himmel. Es war ein langer, harter Weg. ,,Je früher man mit der Therapie beginnt, desto besser sind die Erfolgschancen", weiß Pia ,,Wer sich aufgibt, dem kann kein Therapeut und kein Seelsorger helfen.
Nur selten taucht Pias melancholischer Blick wieder auf. ,,Wenn es mir schlecht geht. ,,sagt sie, ,,dann verkrieche ich mich in eine Ecke und denke nach. Manchmal spreche ich zu Gott und frage ihn: 'Warum habe gerade ich so viele Probleme?' Dann verstehe ich: Es ist meine Aufgabe sie zu lösen."
Die Angst vor der Schule war eines dieser Probleme. Als die Therapie erste Fortschritte zeigte, sagte Pater Shay Cullen: ,,Pia, du soiltest wieder den Unterricht besuchen und etwas lernen. "Zum

ersten Mal musste sie ohne lhren Beschützer zurück in die raue Welt. ,,Ich hatte Angst, eine schlechte Schülerin zu sein." Doch Pia holte den alten Lehrstoff schnell auf. In drei Jahren will sie die Schule beenden, danach ,,als Polizisbn arbeiten und andere Kinder beschutzen".
Wohnen möchte sie in einem eigenen kleinen Haus. An eine Familie denkt sie dabei nicht. ,,Dort lebe ich nur mit meinen Freundinnen", sagt Pia. ,,Niemals werde ich heiraten." Kinder wünscht sie sich nicht. Sie forchtet, ihnen könnte das gleiche Schicksal zustoßen wie lhr.
Aber für die Rechte der anderen Kinder kämpft sie zusammen mit Pater Shay Cullen bereits jetzt. Gemeinsam nehmen sie an Veranstaltungen zum Thema Kinderprostitution teil. Vor einigen Monaten war sie zu einer Tagung nach Japan eingeladen. ,,Als ich ein kleines Kind war, hätte ich niemals gedacht, vor so vielen Menschen sprechen zu können", sagt sie. Jedes Wort überlegte sie sich ganz genau und tippte lhre Rede in den Computer. ,,Ich träume davon", so Pia in Japan, ,dass alle Kinder und Jugendlichen sich vereinen und wir das Problem des sexuellen Missrauchs und der Ausbeutung beenden könen."
Nach lhrer Rückkehr wurde sie im Kinderschutzzentrum wie ein Star empfangen. Die anderen Mädchen sehen in Pia ,,das stärkste Mädchen der Welt". ,Sie ist unser Vorbild!" Denn Pia hat den Schmerz besiegt, gegen den die anderen noch kämpfen. Und sie hat gegen lhren Peniger gewonnen. Vor einem deutschen Gericht klagte die damals 12-Jährige gemeinsam mit Pater Shay Cullen den Kinderschänder Thomas Breuer an. Auf den Philippinen hatte er sie brutal misshandelt. Jetzt brachte ihn das kleine philippinishce Mädchen ins Gefängnis.
Weil Pia so Aark geworden ist, verhält sie sich wie eine große
Schwester. ,,Liebe Pia", heißt es in einem Brief. ,,Aus der Zeitung
habe ich von Dir erfahren. Jetzt erkenne ich, dass ich mit meinem Schicksal
nicht alleine auf der Welt bin." Das gleichaltrige Mädchen hat
sich vor einigen Tagen in das Kinderschutzzentrum Serra's in Manila gelüchtet.
lhr Vater habe sie jahrelang missbraucht, in lhrer Verzweiflung sei sie
zur Polizei gerannt. ,,Wenn mein Vater seine Schuld nicht eingesteht, droht
ihm statt einer Haftstrafe das Todesurteil", schreibt sie. ,,Bitte
sag mir, würdest Du in meiner Situation den eigenen Vater sterben lassen?
Ich weiß nicht, was ich tun soll. "
Pias Blick verfinstert sich. ,,Oh Gott, was soll ich da machen?" stöhnt
sie und hät den Brief in der Hand. ,,Das ist so schwer." Sie schaut
stumm auf den Boden. lhr Blick starrt ins Leere. Dann kneift sie die Augen
eng zusammen, greift zum Telefon und wählt die Nummer des
Kinderschutzentrums. ,,Ich muss lhr helfen", sagt Pia entschlossen.
DAS STÄRKSTE MÄDCHEN DER WELT
Pias Schichsal brachte die Aktion Schutzengel ins Rollen
Letter of Support from Fr. Dr. hermann Schalück ofm of missio
PREDA Youth Theater Group
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