Bedingungloser Einsatz zwischen Trauer und Wut
DIE SEITE DREI
Donnerstag, 10. Mai 2012 · Nummer 109
DAS THEMA: DRITTE-WELT-PROJEKT „PREDA“
Acht Monate hat eine junge Bardenbergerin in Manila im Auftrag von Misereor Aachen mit sexuell misshandelten Mädchen gearbeitet
VON INGRID LEIFGEN
Köln. „Eins weiß ich genau“, sagt Jule, „ich würde es auf jeden Fall noch mal machen.“ „Es“ ist ihr Freiwilligendienst auf den Philip-pinen. Acht Monate hat die junge Bardenbergerin dort im Auftrag von Misereor Aachen mit sexuell misshandelten Mädchen gearbei-tet. „Aber“, sagt Jule auch, „jetztbin ich erst mal froh, dass ich wie-der hier bin.“
Vor anderthalb Wochen ist Juli-ana – Jule – Doersch zu ihrer Fami-lie zurückgekehrt, aber richtig an-gekommen ist sie noch nicht, meint sie. Dafür hat sie zu viel er-lebt und gesehen, was zu ihrem be-hüteten Leben vor dem Freiwilligendienst in krassem Gegensatz steht. Nach dem Abitur letztes Jahr hatte sie nicht recht gewusst, wie es weiter ge-hen sollte, erzählt Jule. Aber sie wollte ihre Zeit nicht verplempern und entschied sich, in einem Dritte-Welt-Projekt mit-zuarbeiten. Von allen Angeboten erschien ihr Preda auf den Philippinen am sinnvollsten. Preda steht für „People´s Recovery, Empowerment and Developement Assistance“, übersetzt etwa „Stif-tung, die Menschen hilft, zu gene-sen, selbstständig zu werden und sich zu entwickeln“.
Beheimatet in der philippini-schen Küstenstadt Olongapo setzt sich die Organisation seit 1974 für sexuell missbrauchte Kinder ein. Hunderte von Mädchen hat Preda mittlerweile aus Bars und Nacht-clubs oder sexuell misshandeln-den Familienverhältnissen befreit. Sie erhalten eine Therapie, Bildung und vor allem Wertschätzung, um sie zurück ins Leben zu bringen. Preda kümmert sich außerdem um Kinder, meist Jungen, die im Ge-fängnis sind. Tausende von Stra-ßenkindern und Jugendlichen lan-den auf den Philippinen wegen Nichtigkeiten hinter Gittern, wo sie unter unvorstellbaren Bedin-gungen dahinvegetieren. Mitar-beiter der Hilfsorganisation besor-gen ihnen Rechtsbeistand und fan-gen sie im Jungenhaus auf, wo sie psychologische Betreuung und eine Ausbildung erhalten.
Father Shay Cullen, dem Mitbegründer und langjährigen Leiter der Stiftung, reicht es jedoch nicht, das Elend der Kinder und Jugendlichen zu mildern. Weil es seinen Ursprung in der dramatischen Armut von Millionen Menschen hat, wirkt die Preda-Stiftung an verschiedenen Stellen auf Veränderung hin. So engagiert sie sich unter anderem in der Aids-Prävention und allgemeiner Gesundheitsvorsorge, klärt über Kinderrechte auf und unterstützt arme Landfamilien beim Anbau von Mango-Bäumen, deren Früchte sie in den Fair-Trade-Handel bringt. Mit dem Ertrag eines Baumes können die Familien das jährliche Schulgeld für zwei Kinder aufbringen – eine wirksame Maßnahme gegen Kinderarmut.
Der irische Pater scheut sich auch nicht, sich in die Politik einzumischen, nicht immer zur Freude der Örtlichen Granden. Derzeit reist Father Shay Cullen gerade durch Deutschland, um im Entwicklungsausschuss des Bundestages in Berlin, bei Misereor in Aachen und andernorts für Unterstützung zu werben. Trotz seines großen Engagements erlebte Jule Doersch den Pater als stets offenen und zugewandten Gesprächspartner, erzählt die junge Deutsche. Schon kurz nach ihrer Ankunft hatte der Pater sie zur Übersetzerin seiner Veröffentlichungen ins Deutsche erkoren. In der Hauptsache war sie jedoch in die Arbeit mit den sexuell misshandelten Mädchen eingeteilt. Und das, sagt Jule, hat ihr schwer zu schaffen gemacht.
„Ich fand es generell schwierig, mit der allgegenwärtigen Armut umzugehen“, erklärt sie. Die drei jungen Männer, die mit ihr als Langzeitfreiwillige vor Ort waren, konnten das besser, glaubt Jule. „Aber ich konnte das nie. Am schlimmsten war es, die Geschichten der Mädchen mitzukriegen. Ich habe die Mädels echt gern gehabt und dann zu erfahren, was für schreckliche Dinge die erlebt ha-ben, das war für mich immer schmerzhaft. Ich war entweder wütend oder traurig.“
Immerzu wütend oder traurig zu sein, das schlaucht, und so war die Zwanzigjährige letztes Weihnachten drauf und dran hinzuschmeißen. Aber dann hatte sich ihre Freundin Lisa aus Kohlscheid angekündigt, um für sechs Wochen ebenfalls bei Preda mitzutun. Mit ihr zusammen war dann alles ein bisschen leichter zu ertragen und an den Wochenenden machten die jungen Frauen sich auf, die Schönheit des Landes zu erkunden. Traumhafte Strände, glasklare Kraterseen, fantastische Gebirge –mit das Großartigste, was wir bisher gesehen haben, erklären die beiden.
Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch von Klaus J. Behrendt, besser bekannt als Kölner Tatortkommissar Max Ballauf. Mit Mitgliedern des Tatort-Vereins kam er nach Olongapo, um die Preda-Projekte zu unterstützen. Jule und Lisa sind seitdem mit Behrendt per Du und erklären unisono: „Der ist total nett.“ Was Jule nach der Abreise ihrer Freundin noch auf den Philippinnen hielt, war wohl vor allem die Arbeit mit der Preda-Theatergruppe. Seit zehn Jahren wird das Musical-Drama „Once we had a dream“ von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in wechselnden Besetzungen aufgeführt. Es handelt von Armut auf dem Land und dem Schicksal dreier Kinder, die Misshandlungen und sexuellem Missbrauch ausgesetzt sind. Es basiert auf wahren Ereignissen. Als klar war, dass das Musical in diesem Frühjahr durch Deutschland touren würde, hatte Father Shay die Idee, Jule solle den Text des Stückes aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen. Das war für sich genommen kein Problem, erzählt die junge Frau, aber den philippinischen Darstellern die fremden Laute beizubringen, dann doch.
Manche Buchstaben wollten ihnen einfach nicht über die Lippen und so mussten immer wieder neue, aussprechbare Formulierungen gefunden werden. „Das war sehr lustig und wir haben unheimlich viel gelacht“, erinnert sich Jule. „Auf die Proben hab ich mich immer gefreut.“ Vergangenen Montag dann kam das Musical in der Aula des Berufskollegs Michaelshoven in Köln zur Aufführung. Jule war natürlich dabei und es gab ein begeistertes Wiedersehen mit den Darstellern.
Mitreißendes Spiel
Die vier jungen Männer und drei Frauen präsentierten ein hoch emotionales, mitreißendes Spiel, das das Publikum 70 Minuten lang den Atem anhalten ließ. So manche im Auditorium griffen heimlich zum Taschentuch, Jule auch. Das passiert ihr jedes Mal, sagt sie hinterher, obwohl sie das Musical schon so oft gesehen hat. „Ich gehe auf jeden Fall irgendwann nach Olongapo zurück“, sagt sie dann noch. „Nur nicht mehr für so lange Zeit am Stück.“





