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Meine Reise in die Philippinen – ein Land voller Gegensätze

September 24, 2015 · 

Meine Reise in die Philippinen – ein Land voller Gegensätze
Carmelito Bauer
September 24, 2015

Photo Copyright Carmelito Bauer

Photo Copyright Carmelito Bauer

In Europa bricht einmal mehr Chaos aus. Doch hier, am anderen Ende der Welt, sorgt man sich um ganz andere Dinge.

Denkt man an den Verlauf des Zweiten Weltkriegs, oder noch weit entferntere Zeiten wie die der Kolonialherren des 18. und 19. Jahrhunderts, dann fällt ein Name relativ selten. Woran es liegt, dass die Philippinen seit Jahrzehnten den Status eines „vergessenen Juwels“ innehaben, kann man nicht genau bestimmen. Die spanische Kolonialherrschaft hat neben ihrem kulturellen Einfluss vor allen einen Katholizismus hinterlassen, der Rom wie eine Szene aus Nietzsches “Antichrist” erscheinen lässt. Ja, die Philippinen könnten das religiöseste Land der Welt sein. Viel erdrückender ist der amerikanische Einfluss. Die Begeisterung der Filipinos für amerikanische Unterhaltung und Lebensmittel ist beinahe grotesk.

Pater Shay Cullen – ein einsamer Held

Diese eher harmlosen Relikte einer vergangenen Zeit werden leider von einem übel riechenden Dunst der Ausbeutung durch die Kolonialherren überschattet. Es ist diese Ausbeutung, wegen der ich nun seit gut zwei Monaten vor Ort die Arbeit der PREDA Stiftung des irischen katholischen Missionars, Pater Shay Cullen, unterstütze. Er selbst kam vor über 30 Jahren auf die Philippinen. Es war die Zeit, in der das Land von der Präsenz der amerikanischen Militärbasen erdrückt wurde. In Olongapo, dem Standort der riesigen Marinebasis des US-Militärs, errichtete er sein Zentrum für Drogenabhängige, welches später vor allem auch minderjährigen Opfern sexuellen Missbrauchs, Ureinwohnern und Kindern im Konflikt mit den Gesetz wertvolle Hilfe anbieten würde.

Mithilfe einer Politikerkaste, deren Korruption ein derartiges Ausmaß erreicht hat, dass sie wie eine Karikatur anmutet, eröffneten vorrangig US-Angehörige Sexbars und Bordelle. Dies in einem Land, in dem Prostitution eigentlich verboten ist. Die Schwerpunkte Angeles City und Olongapo City wurden zum Sodom und Gomorra Südostasiens. Kinder, manche erst 9 oder 10 Jahre alt, wurden zur Arbeit in den Bordellen gezwungen und von US-Militärs vergewaltigt und ermordet. Manche erlagen auf qualvolle Art schweren Geschlechtskrankheiten. Wenige Täter wurden bestraft, denn bis heute ist das Justizsystem der Philippinen träge und korrupt. Viele Täter kauften sich einfach frei oder erpressten die oft bettelarmen Eltern der Opfer mit ein paar Dollars. Ein Großteil des Militärs und der damaligen US-Regierung deckten dabei die Verbrecher. Es waren PREDA und Shay Cullen, die einen Vorstoß zur Schließung der US-Stützpunkte und einiger Sexbars unternahmen. Nachdem sie Hilfe von Mutter Natur bekamen – 1991 brach der Vulkan Pinatubo in einem nie dagewesenen Maße aus – zogen die US Truppen im selben Jahr ab und der Senat verlängerte ihr Bleiberecht nicht. Es war eine Stunde rührenden philippinischen Nationalstolzes.

Durch die Initiative von PREDA wurden bis heute viele der Sexbars, in denen zum Teil barbarische Menschenrechtsverletzungen an Frauen und Kindern begangen wurden, geschlossen. Der Sextourismus, heute nicht mehr durch das US-Militär sondern in zivil, floriert weiterhin. Ich konnte einige der missbrauchten Mädchen im PREDA „Home for girls“ kennen lernen. Ein 14 jähriges Mädchen hat bereits ein Kind, das Kind keinen Vater. In anderen Fällen sind beide Elternteile unbekannt und das Kind wächst ganz ohne Familie auf. Ihr Leben beginnt auf der Straße – und endet meist dort.

Manila, die riesige Hauptstadt der Philippinen, wurde einst als die prächtigste Stadt des Orients gepriesen. Dies änderte sich im zweiten Weltkrieg. Die Zerstörung der Stadt war eine der Schlimmsten des gesamten Krieges und kaum jemand spricht heute darüber. Neben den Hochhäusern der Banken und Hotels gibt es riesige Slums. Menschen, denen man ihr Zuhause genommen hat, wühlen in den verseuchten Müllbergen einer Stadt, deren zahllose Wolkenkratzer man aus der Ferne wegen des Smogs kaum erkennt. Als wir die Familie eines der Jungen aus dem „Home for boys“ besuchten war ich den Tränen nahe. Seine Mutter lebt mit fünf Kindern in einer Hütte, die aus Müll und Regenschirmen aufgebaut wurde. Für ein paar Cent verkauft sie Gemüse, das ihr Mann mit Mühe und Not als „Scavenger“ sammelt. Überall liegen Berge von Müll und eine Toilette existiert nicht. Den Gestank und die Hitze kann man sich als beleibter Westler nur schwer vorstellen. Fliegen und Moskitos machen sich über alles her. Und wenn die schwarzen Nächte der Philippinen hereinbrechen, ist man hier nicht mehr sicher.

Die Jungen im „Home for boys“ sind Straßenkinder, die oftmals von ihrem Familien ausgestoßen wurden. Manche betteln oder stehlen schon seit einem halben Jahrzehnt. Sie haben Hunger. Werden sie erwischt, kommen sie zunächst in Untersuchungshaft, wo sie mit Menschen aller Altersgruppen und Geschlechter in eine kleine Zelle gesperrt werden. In manchen Polizeistationen gibt es kein Essen. Die Kinder schlafen auf dem Boden, aber das sind sie ja schon gewöhnt. Oft kommt es zu Missbrauch zwischen den Geschlechtern oder an jüngeren Insassen. Die Jugendhaft, in die die Kinder später überwiesen werden, ist zwar etwas komfortabler aber mit westlichen Standards nicht zu vergleichen. Anstalten, in denen die Kindern auf dem Boden schlafen, in einem Raum, der gleichzeitig auch die Toilette ist, findet man häufig vor. Jene Haftanstalten sind Orte, in denen Babies geboren werden, die ihre ersten Monate in einem Gefängnis und danach vermutlich auf der Straße verbringen. Manche Kinder verbringen Jahre in diesen Haftanstalten, denn die Bearbeitung ihrer Verfahren streckt sich aufgrund der Korruption und der Ineffizienz.

Trotz ihrer Lage sind die Kinder unglaublich herzlich und freuen sich über jeden Besuch. Sie spielen, lachen und sprechen oft sehr gutes Englisch. Ich muss an die Jugendhaft in Deutschland denken, wo oft eine ganz andere Stimmung herrscht. Sie mutet wie ein 5-Sterne Hotel an und doch sind die Kinder hier, in den stickigen Betonzellen, sehr viel freundlicher.

Ein Land voller Widersprüche

Eine Änderung dieser Verhältnisse scheint kaum in Aussicht. Zu tief verwurzelt ist die Korruption im politischen System. Ein System, was über Jahrzehnte durch die US-Amerikanischen Kolonialherren gestützt und gefestigt wurde. Die Philippinen, das vergessen viele, waren die einzige Kolonie, die die USA jemals besaßen. Die wenigsten US-Amerikaner sind sich dieser Tatsache bewusst und dementsprechend gleichgültig ist ihnen das Schicksal der 7107 Inseln. Die natürlichen Ressourcen, an denen das Land reich ist, gehören zum Großteil ausländischen Firmen, die das Land ausbeuten und die Ureinwohner vertreiben. Auf dem anderen Ende der Bucht, unweit der Geschäftsstelle von PREDA und in Sichtweite meines Zimmers, befindet sich eine große Anlegestelle einer koreanischen Firma, die Gold und Öl aus den Bergen von Zambales abbauen. Geldgierige Politiker, die in diesem Land anmuten wie aus einer „South Park“ Folge, geben ihnen willfährig Genehmigungen. Sie verschenken den Nationalschatz für ein paar Scheine in den eigenen Geldbeuteln.

Ohnehin ist die Abhängigkeit dieses Landes von den Industriestaaten erdrückend. Jene Abhängigkeit, die von Oligarchen, von der Marcos-Diktatur und den korrupten Politikern über Jahre hinweg gefestigt wurde. Dies schlug sich auch auf die philippinische Mentalität wieder. Der weiße Mann wird als Erlöser angesehen. Ihm wird mit einem an Naivität grenzenden Vertrauensvorschuss begegnet und viele Damen des Landes haben für sich das Dogma „I only date white guys“ entdeckt. Es gibt auch eine Kultur, sich die eigene Haut weiß zu bleichen. Der Filipino selbst ist bescheiden und es ist Kultur, sein Schicksal zu akzeptieren. Hunderttausende Filipinos arbeiten als billige Arbeitskräfte im Ausland, um ihre Familie im Mutterland zu unterstützen.

Im 21. Jahrhundert scheint der Filipino wieder auf der Suche nach einer eigenen Identität zu sein. Riesige Werbeplakate amerikanischer Firmen schmücken die Hauptstraßen Manilas. Der Filipino neigt dazu, sein Smartphone noch exzessiver zu nutzen als dies in Europa oder den USA ohnehin schon üblich ist. Im Radio dröhnen „Shake it off“, „Let it go“ und Disney-Werbung. Englisch ist sowieso allgegenwärtig. Neben den Wellblechhütten der Slums hausen Fastfood-Ketten. Das Trinkwasser im Supermarkt ist von Coca Cola. Auf einer Hauptstraße wird unter freiem Himmel eine Messe zelebriert, gleich neben einigen der berüchtigsten Bordellen. Philippinische Frauen gelten als ungemein prüde und doch floriert die Prostitution. Und überall liegen Berge von Müll und es gibt keine Mülleimer.

Das Schöne neben dem Grauen

Verlässt man die urbanen Zentren der Philippinen in Richtung Provinz, geben die schier endlosen Reihen an Wellblechhütten bald einer ungezügelten Natur nach. In den Bergen von Zambales leben die Ureinwohner der Philippinen, die Aeta. PREDA unterstützt sie mit Fair Trade Projekten. Jahrelang wurden sie von der Gesellschaft diskriminiert und mussten aus ihrem natürlichen Lebensraum flüchten, der von Oligarchen und Unternehmen beansprucht wurde. Ihre Art zu Überleben, ist beeindruckend. An einem Tag besuchen wir eines ihrer Dörfer in der Gemeinde San Marcelino. Ihr Dorf liegt eine gute Stunde von der eigentlichen Stadt entfernt. Die „Straße“ dorthin ist ein Schotterweg mit einer nicht enden wollenden Anzahl an Schlaglöchern. An deren Ende liegt ein See, der erst durch den gewaltigen Ausbruch des Mt Pinatubo entstanden ist. Er hat ein ganzes Dorf weggeschwemmt, dessen Kirchturm noch aus dem Wasser ragt. Wir überqueren den See in einer „Bangka“, dem traditionellen philippinischen Fischerboot mit Auslegern, und steigen hinauf in die Dschungel der Berge, in der die Aeta ihr Dorf haben.

Ihre Art zu Leben ist inspirierend. Sie haben keinen Strom und leben einzig von der Landwirtschaft, dem Handel mit ihren Erträgen auf dem Markt und von ihren Nutztieren. Ihre Häuser sind traditionelle Palmblatthütten, die von den Taifunen und Erdbeben ständig herausgefordert werden. Ihre Kinder sind beeindruckend. Während ich mit Mühe und Not die steinigen und schweren Pfade erklimme, rennen sie barfuß über die scharfkantigen Wege, und zeigen mir den Weg durch den Dschungel.

Ähnliches erlebt man auch, wenn man die Reisterrassen der Ifugao in Banaue besucht. Nach einer etwa 16 stündigen Fahrt (mit Umstieg) über schmale Gebirgspässe, die teilweise von Erdrutschen weggespült werden, offenbart sich einem ein Anblick, dem kein Foto gerecht wird. Die Art und Weise, wie die Menschen hier im Einklang mit der Natur leben, ist wahrlich bewegend.

Lupang Hinirang

Weiße Sandstrände, glühende Hitze und raue Natur. Wenn ich in einem Bus sitze, in dem die Passagiere inbrünstig Chartsongs mitgröhlen, in dem sogar deutsche Filme mit Till Schweiger über den Röhrenbildschirm flackern, dann überkommt mich in der Tat etwas philippinischer Nationalismus. „By blood“ gehöre ich diesem Volk zur Hälfte an und allem Chaos zum Trotz bin ich sehr stolz darauf. Es ist die Arbeit einer PREDA Stiftung, die Hoffnung macht. Pater Shay war selbst einige Male Zielscheibe tödlicher Attacken und ist Gott-sei-Dank mit dem Schrecken davon gekommen. Während man sich um seine Sicherheit heute etwas weniger sorgen muss, so bleiben die Verhältnisse doch ähnlich schlimm.

Heute hat Father Shay viele Besucher. Menschen aus aller Welt kommen als “Volunteers” nach Olongapo und unterstützen ihn bei seiner Arbeit. PREDA hat gute Kontakte nach Deutschland und deshalb sind die meisten Freiwilligen auch Deutsche. Manche bleiben ein ganzes Jahr.

Die nebelbedeckten Berge im Norden Luzons, die weißen Sandstrände, die Märkte in den Provinzstädten, und der letzte Rest Regenwald, der nach seiner fast vollständigen Zerstörung noch übrig ist, diese Orte lassen einen die katastrophalen und teilweise unmenschlichen Zustände in den Philippinen vergessen. Und wenn man in einem der kultigen Jeepneys und Trycicles fährt, die aus Metallschrott und ausgemusterten Autos hergestellt werden, kommt Romantik auf. Beim Genuß von Halo-Halo, einem philippinischen Dessert, gar Patriotismus. Und fernab der Städte und Tourismus-Hotspots, wo man vor allem das Geld liebt, begegnen einem die herzlichsten, liebenswürdigsten und gastfreundlichsten Menschen. Dort ist das philippinische Volk zu Hause. In einem Land voller Gegensätze und Widersprüche. Ein paar Wochen bleibe ich noch hier. Doch meine Reise hat mich zu dem Entschluss geführt: Ich komme wieder. Lupang Hinirang!

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