Preda Deutsch Website

Ein Kind verharrt an der Pforte zur Hölle

November 25, 2014 · 

Allerseelen gibt uns die Gelegenheit derer zu gedenken, die Not leiden. Von Fr. Shay Cullen.

345x248xkampo-660x475.jpg.pagespeed.ic.jHnce8gTkW

An diesem Wochenende schauen wir zu den Heiligen auf, beten für ihre Inspiration und Hilfe, beten für die Lebenden und die Toten. Doch wir brauchen nicht in die Kirche gehen, um die Heiligen zu finden. Viele unter uns kämpfen tapfer für Gerechtigkeit und die Rechte leidender, missbrauchter, vernachlässigter und unterdrückter Kinder.

Der Friedhof ist nicht der einzige Ort, um die Toten und Sterbenden zu besuchen. Manche sind unter uns ? einige tot im Geiste, andere beinahe tot im Körper. Von ihnen werden wir angerufen, sie zu heilen, zu retten, ihnen zu helfen, wie es der barmherzige Samariter tat als er einem verstoßenen, verwundeten, im Sterben liegendem Fremden half.

Francisco ist ein Kind von etwa 11 oder 12 Jahren. Es ist schwer, sein genaues Alter zu schätzen, so abgemagert ist er. Nackt lag er auf dem kalten, harten, schmutzigen Boden des Reception Action Center (RAC) im Herzen Manilas, nur einen Steinwurf entfernt vom Rathaus und in der Nähe einer verschwenderisch mit Lebensmittel beladenen Shoppingmall. In Manila werden Kinder “gerettet”, indem man sie von den Straßen holt und ins RAC sperrt, einer Einrichtung, die angeblich Notunterkünfte für Obdachlose bereitstellt.

Franciscos ausgemergelter und gebrechlicher Körper war nur noch Haut und Knochen. Die schwere Unterernährung hatte ihren grausamen Tribut gefordert und ihn bis vor die Tore dessen geschleppt, was man einen schmerzhaften und qualvollen Tod durch langsames Verhungern nennt. Er drückte sein Gesicht in eine Ecke zwischen Boden und Wand. Seine Knochen ragten wie Zweige unter papierdünner Haut hervor. Er glich einem “lebenden Toten”. Die Beine an sich bezogen, versuchte er seinen ungeschützten Körper zu verdecken ? ein letzter, schwacher Versuch, der Scham und Demütigung zu entgehen, die sein elendes Leben ihm bescherten. Doch da war keine Intimsphäre mehr für diesen unschuldigen Jungen vor den Toren der Hölle, ausgesetzt den Blicken der anderen Kinder und apathischen Mitarbeitern dieser gefängnisartigen Einrichtung.

Ein weiterer scheinbar lebloser Körper lag in der Nähe. Die Umrisse seiner Knochen waren so scharf wie der Hunger und Schmerz, der an seinen Eingeweiden nagte. An seinem hervorstehendem Brustkorb konnte man jede einzelne Rippe erkennen. Seiner ausgehungerten, nackten Gestalt war kaum anzusehen, ob er noch atmete. Er war kurz vor der letzten Phase eines qualvollen Todes, so schien es.

Ein anderes Kind, sehr intelligent – nennen wir es Rico – hielt sich seit Wochen mit schweren Verbrennungen am Hals aber ohne jegliche ärztliche Behandlung im RAC auf. Das geschrumpfte Fleisch zog sein Kinn und Kopf in eine groteske Position. Er brauchte dringend medizinische Hilfe.

Die Regierungsmitarbeiter des RAC zeigten sich gleichgültig gegenüber dem Leiden dieser Kinder. Wer sonst könnte den Anblick dieser abgemagerten, schwer unterernährten Körper nur für einen Moment ertragen ohne einen Anflug von Mitgefühl für ihren schrecklichen Zustand zu verspüren? Hier lag ein Mensch mit Würde, Wert und Bedeutung, ein Filipino, ein Kind Gottes, mit Rechten und Bedürfnissen, aber er wurde zurückgelassen, um zu sterben, als ob es nichts weiter als ein Sack Knochen wäre.

Ich war in diesem Zentrum, dem Haus des Schreckens, wo Dutzende von kleinen, halb verlassenen Kindern in leeren Räumen gesperrt werden, ohne angemessene sanitäre Einrichtungen, Duschen, Betten oder etwas zu essen. Der Gestank von mit Exkrementen gefüllten Toiletten hing in der Luft. Mir wurde übel. Ein Fass voll Fäkalien wird täglich von den etwas größeren Jungen die Treppe hinunter nach draußen getragen. Dieses Fass dient Dutzenden Kindern als Toilette. Draußen rannten Fünf- bis Sechsjährige mit offensichtlichen, psychischen Problemen umher. Sie verrichteten ihre Notdurft auf dem offenen Boden und gefährden damit die Gesundheit der anderen.

An den Holzstäben des Arrestraumes im zweiten Stock weinten die Kinder, wollten raus, bettelten mich an ihnen zu helfen, sie nach Hause zu ihren Eltern zu bringen. Es gab keinerlei therapeutisches, pädagogisches oder Freizeitprogramm für die Kinder – kein Spielzeug, keine Comics, Spiele, keine Sportmöglichkeiten oder Betreuer, die sich um die Kinder hätten kümmern können. Das Essen war einfach und monoton. Hier werden die Kinder zu einem Leben in Ungewissheit, ohne Sinn und Zweck verurteilt.

Nur etwa 20 Meter vom RAC entfernt liegt ein weiterer Gebäudekomplex namens Manila Youth Rehabilitation Center (Jugendrehabilitationszentrum). Dort leben unter völlig unmenschlichen Bedingungen mehr als 140 Jugendliche hinter Gittern, ohne Betten, Bewegungsmöglichkeiten oder Bildung. Ein Loch im Boden und ein Wasserhahn sind in den überfüllten Zellen die einzige Sanitärversorgung für Dutzende von Jugendlichen. Die Hauptmahlzeit besteht aus ein paar Löffeln Reis und einem Löffel verkochtem Gemüse. Medizinische Hilfe ist auf ein Minimum reduziert und abhängig von freiwilligen Helfern.

Solche Bedingungen würden überall auf der Welt als kriminelle Vernachlässigung bezeichnet werden. Aber hier, an der Pforde zur Hölle, sind sie völlig normal. Ein besorgter Besucher beobachtete alle dies und schrieb einen Beschwerdebrief an Präsident Benigno Aquino. Im offiziellen Antwortschreiben, welches auch der Stadtverwaltung Manilas zuging, hieß es, ja, die beschriebenen Bedingungen seien eine Verletzung des Kinderschutzrechts. Und dabei blieb es. Bis heute hat sich an den Bedingungen in diesen Zentren nichts geändert oder sie haben sich gar verschlimmert.

Francisco und Rico wurden vor etwa einer Woche von Sozialarbeiterinnen einer privaten Hilfsorganisation gerettet und sind seither in einer Kinderklinik in Behandlung. Eine amtsärztliche Untersuchung wurde durchgeführt, welche in einem Strafverfahren gegen die Verantwortlichen der schrecklichen Vernachlässigung dieser Kinder und Jugendlichen zum Tragen kommen wird. Mögen wir bald hören, wie Stimmen für die stimmlosen, vernachlässigten Kinder erhoben werden. Mögen wir bald sehen, wie Maßnahmen ergriffen werden, um diesen schrecklichen Ort der lebenden Toten zu schließen.

Der irische Kolumbanerpater Shay Cullen gründete im Jahr 1974 die PREDA-Stiftung in Olongapo City um für die Menschen- und Kinderrechte einzutreten und die Opfer von sexuellem Missbrauch zu unterstützen.

Copyright © 2017 · Preda Foundation, Inc. All Rights Reserved