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Bedingungloser Einsatz zwischen Trauer und Wut

May 18, 2012 · 

DIE SEITE DREI

Donnerstag, 10. Mai 2012  ·  Nummer  109

DAS THEMA: DRITTE-WELT-PROJEKT „PREDA“

Bedingungloser Einsatz zwischen Trauer und Wut

Bedingungloser Einsatz zwischen Trauer und Wut

Acht Monate hat eine junge Bardenbergerin in Manila im Auftrag von Misereor Aachen mit sexuell misshandelten Mädchen gearbeitet

VON INGRID LEIFGEN

Köln. „Eins weiß ich genau“, sagt Jule, „ich würde es auf jeden Fall noch mal machen.“ „Es“ ist ihr Freiwilligendienst auf den Philip-pinen. Acht Monate hat die junge Bardenbergerin  dort  im  Auftrag von Misereor Aachen mit sexuell misshandelten Mädchen gearbei-tet. „Aber“, sagt Jule auch, „jetztbin ich erst mal froh, dass ich wie-der hier bin.“

Vor anderthalb Wochen ist Juli-ana – Jule – Doersch zu ihrer Fami-lie zurückgekehrt, aber richtig an-gekommen  ist  sie  noch  nicht, meint sie. Dafür hat sie zu viel er-lebt und gesehen, was zu ihrem be-hüteten Leben vor dem Freiwilligendienst in krassem Gegensatz steht. Nach dem Abitur letztes Jahr hatte sie nicht recht gewusst, wie es weiter ge-hen sollte, erzählt Jule. Aber sie wollte ihre Zeit nicht  verplempern  und entschied sich, in einem Dritte-Welt-Projekt mit-zuarbeiten.   Von   allen Angeboten erschien ihr Preda auf den Philippinen am sinnvollsten. Preda steht für „People´s Recovery, Empowerment and Developement Assistance“, übersetzt etwa  „Stif-tung, die Menschen hilft, zu gene-sen, selbstständig zu werden und sich zu entwickeln“.

Beheimatet  in  der  philippini-schen Küstenstadt Olongapo setzt sich die Organisation seit 1974 für sexuell missbrauchte Kinder ein. Hunderte von Mädchen hat Preda mittlerweile aus Bars und Nacht-clubs  oder  sexuell  misshandeln-den Familienverhältnissen befreit. Sie erhalten eine Therapie, Bildung und vor allem Wertschätzung, um sie zurück ins Leben zu bringen. Preda kümmert sich außerdem um Kinder, meist Jungen, die im Ge-fängnis sind. Tausende von Stra-ßenkindern und Jugendlichen lan-den  auf  den  Philippinen  wegen Nichtigkeiten hinter Gittern, wo sie  unter  unvorstellbaren  Bedin-gungen  dahinvegetieren.  Mitar-beiter der Hilfsorganisation besor-gen ihnen Rechtsbeistand und fan-gen sie im Jungenhaus auf, wo sie psychologische   Betreuung   und eine Ausbildung erhalten.

Father Shay Cullen, dem Mitbegründer und langjährigen Leiter der Stiftung, reicht es jedoch nicht, das Elend der Kinder und Jugendlichen zu mildern. Weil es seinen Ursprung in der dramatischen Armut von Millionen Menschen hat, wirkt  die  Preda-Stiftung  an  verschiedenen  Stellen  auf  Veränderung hin. So engagiert sie sich unter  anderem  in  der  Aids-Prävention   und   allgemeiner   Gesundheitsvorsorge, klärt über Kinderrechte auf und unterstützt arme Landfamilien  beim  Anbau  von Mango-Bäumen, deren Früchte sie in  den  Fair-Trade-Handel  bringt. Mit dem Ertrag eines Baumes können  die  Familien  das  jährliche Schulgeld für zwei Kinder aufbringen – eine wirksame Maßnahme gegen Kinderarmut.

Der  irische  Pater  scheut  sich auch nicht, sich in die Politik einzumischen,    nicht    immer    zur Freude  der  Örtlichen  Granden. Derzeit reist Father Shay Cullen gerade durch Deutschland, um im Entwicklungsausschuss  des  Bundestages in Berlin, bei Misereor in Aachen und andernorts für Unterstützung zu werben. Trotz seines großen Engagements erlebte Jule Doersch den Pater als stets offenen und zugewandten Gesprächspartner, erzählt die junge Deutsche. Schon  kurz  nach  ihrer  Ankunft hatte der Pater sie zur Übersetzerin seiner    Veröffentlichungen    ins Deutsche erkoren. In der Hauptsache war sie jedoch in die Arbeit mit den sexuell misshandelten Mädchen eingeteilt. Und das, sagt Jule, hat  ihr  schwer  zu  schaffen  gemacht.

„Ich fand es generell schwierig, mit  der  allgegenwärtigen  Armut umzugehen“, erklärt sie. Die drei jungen  Männer,  die  mit  ihr  als Langzeitfreiwillige vor Ort waren, konnten  das  besser,  glaubt  Jule. „Aber  ich  konnte  das  nie.  Am schlimmsten war es, die Geschichten  der  Mädchen  mitzukriegen. Ich habe die Mädels echt gern gehabt und dann zu erfahren, was für schreckliche Dinge die erlebt ha-ben,  das  war  für  mich  immer schmerzhaft.  Ich  war  entweder wütend oder traurig.“

Immerzu wütend oder traurig zu sein, das schlaucht, und so war die Zwanzigjährige letztes Weihnachten drauf und dran hinzuschmeißen.  Aber  dann  hatte  sich  ihre Freundin Lisa aus Kohlscheid angekündigt, um für sechs Wochen ebenfalls bei Preda mitzutun. Mit ihr zusammen war dann alles ein bisschen leichter zu ertragen und an  den  Wochenenden  machten die  jungen  Frauen  sich  auf,  die Schönheit  des  Landes  zu  erkunden. Traumhafte Strände, glasklare Kraterseen, fantastische Gebirge –mit das Großartigste, was wir bisher gesehen haben, erklären die beiden.

Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch von Klaus J. Behrendt, besser bekannt als Kölner Tatortkommissar Max Ballauf. Mit Mitgliedern  des  Tatort-Vereins  kam  er nach Olongapo, um die Preda-Projekte zu unterstützen. Jule und Lisa sind seitdem mit Behrendt per Du und erklären unisono: „Der ist total nett.“ Was Jule nach der Abreise ihrer Freundin noch auf den Philippinnen hielt, war wohl vor allem die Arbeit mit der Preda-Theatergruppe. Seit zehn Jahren wird das Musical-Drama „Once we had a dream“ von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in wechselnden  Besetzungen  aufgeführt.  Es handelt von Armut auf dem Land und dem Schicksal dreier Kinder, die Misshandlungen und sexuellem Missbrauch ausgesetzt sind. Es basiert auf wahren Ereignissen. Als klar war, dass das Musical in diesem Frühjahr durch Deutschland touren würde, hatte Father Shay die Idee, Jule solle den Text des Stückes aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen. Das war für sich genommen kein Problem, erzählt die junge Frau, aber den philippinischen Darstellern die fremden Laute beizubringen, dann doch.

Manche Buchstaben wollten ihnen einfach nicht über die Lippen und  so  mussten  immer  wieder neue, aussprechbare Formulierungen gefunden werden. „Das war sehr lustig und wir haben unheimlich  viel  gelacht“,  erinnert  sich Jule. „Auf die Proben hab ich mich immer    gefreut.“    Vergangenen Montag dann kam das Musical in der Aula des Berufskollegs Michaelshoven in Köln zur Aufführung. Jule war natürlich dabei und es gab ein begeistertes Wiedersehen mit den Darstellern.

Mitreißendes Spiel

Die vier jungen Männer und drei Frauen   präsentierten   ein   hoch emotionales,  mitreißendes  Spiel, das das Publikum 70 Minuten lang den Atem anhalten ließ. So manche im Auditorium griffen heimlich zum Taschentuch, Jule auch. Das passiert ihr jedes Mal, sagt sie hinterher, obwohl sie das Musical schon  so  oft  gesehen  hat.  „Ich gehe  auf  jeden  Fall  irgendwann nach Olongapo zurück“, sagt sie dann noch. „Nur nicht mehr für so lange Zeit am Stück.“

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